Es gibt Momente, in denen man kurz innehalten sollte. Nicht um zu feiern. Sondern um zu verstehen, was eigentlich gerade passiert ist.
Wir haben seit einigen Wochen Glasfaser auf unserem Campus in Erlangen. Symmetrisch. Stabil. Schnell.
Ich baue seit sehr vielen Jahren IT-Systeme. Seit ein paar Jahren bauen wir KI-Infrastruktur, autonome Agenten, digitale Workflows für Unternehmen. Bis vor Kurzem haben wir das mit 6 Mbit/s getan.
Ich gebe das gerne zu, weil ich weiß dass viele da draußen dasselbe kennen — und weil es etwas über den Zustand der digitalen Infrastruktur in Deutschland sagt, das man ruhig einmal aussprechen darf.
Die Realität
6 Mbit/s klingt nach einem Problem von 2005. Es war unser Problem bis 2026.
Videokonferenzen mit Kunden, Cloud-Uploads, kollaboratives Arbeiten, KI-Modelle die Daten verarbeiten, Remote-Teams die sich synchronisieren — all das funktioniert. Es funktioniert nur anders. Langsamer. Mit mehr Planung. Mit mehr Geduld als technisch nötig wäre.
Man lernt Dinge in so einer Zeit. Asynchrone Workflows. Schlanke Architekturen. Offline-First-Denken. Ich sage das nicht als Romantisierung — ich sage es weil es stimmt. Die Einschränkung hat uns gezwungen, effizienter zu denken als es viele mit besserer Leitung tun.
Aber es wäre gelogen zu behaupten, dass das keine Kosten hatte.
Das Angebot das keines war
Wer in Deutschland als Unternehmen auf Glasfaser-Erschließung angewiesen ist und nicht das Glück hat in einem bereits versorgten Gebiet zu sitzen, kennt diese Gespräche.
Ich kenne sie gut.
80.000 Euro Erschließungskosten. Das war die erste Zahl die wir gehört haben. Dann 50.000. Dann 35.000. Jedes Mal nach einem neuen Gespräch, einem neuen Ansprechpartner, einer neuen Berechnung. Was sich nicht veränderte: die monatliche Umlage der Erschließung, die auf Jahre hinaus gerechnet längst jede einmalige Erschließungssumme überstieg.
Ich werde keine Namen nennen. Die Zahlen sprechen für sich.
Mein Vorgänger hat es seit Jahrzehnten ertragen — ohne je eine akzeptable Lösung angeboten bekommen zu haben. Ich selbst seit 2019. Zusammen also eine Zeitspanne, in der die Welt mehrfach digitalisiert wurde — nur unser Anschluss nicht.
Ein Kollege fragte mich damals: „Glaubst du, der Preis richtet sich danach wie dringend man fragt?“
Ich habe keine Antwort gegeben. Aber ich habe innerlich genickt.
Starlink: Mehr als eine Notlösung — aber keine Dauerlösung
Irgendwann haben wir eine Entscheidung getroffen, die ich heute nicht bereue: Starlink.
Ich muss ehrlich sagen: Starlink hat uns beeindruckt. Die Geschwindigkeit, die Stabilität, die unkomplizierte Einrichtung — für ein System das aus dem Weltall sendet ist das eine bemerkenswerte technische Leistung. Wir haben damit zuverlässig gearbeitet, gebaut, Kunden betreut. In Situationen wo die Festleitung streikt, als schnelle Ergänzung oder als Backup ist Starlink schlicht sehr gut.
Gleichzeitig bleibt es für ein Unternehmen unserer Größe und unserer Anforderungen das was es ist: eine pragmatische Brückenlösung. Latenz, Datenschutz-Überlegungen bei sensiblen Geschäftsdaten, die Abhängigkeit von einem einzelnen privaten Anbieter — das sind Faktoren die langfristig zählen. Nicht als Kritik an Starlink, sondern als sachliche Einordnung.
Ein Satellit 550 Kilometer über der Erde sollte für ein Unternehmen in einer deutschen Großstadt keine Dauerlösung sein müssen. Dass er es für uns eine Weile war, sagt mehr über lokale Infrastrukturpolitik als über Starlink.
Versatel und das Ende einer langen Geschichte
Versatel hat es möglich gemacht.
Nicht ohne Verzögerungen — die gab es. Nicht ohne Nachverhandlungen — die gab es auch. Und günstig ist Glasfaser für Unternehmen in Deutschland nach wie vor nicht. Wer glaubt dass fairere Konditionen automatisch günstig bedeutet, hat die Branche noch nicht kennengelernt.
Aber es wurde realisiert. Das klingt nach einer kleinen Aussage. Für uns ist es keine.
Ich danke dem Team von Versatel — nicht weil alles perfekt war, sondern weil am Ende ein Ergebnis steht. In einer Zeit in der Ankündigungen oft mehr Gewicht haben als Umsetzungen ist das erwähnenswerter als es klingt.
Was das eigentlich bedeutet
Ich schreibe das nicht um zu klagen. Ich kenne Unternehmen die in derselben Situation stecken und keine Lösung sehen. Ich kenne Regionen in Deutschland wo Glasfaser 2026 noch immer Wunschdenken ist.
Digitalisierung scheitert in Deutschland selten am fehlenden Willen der Unternehmen.
Sie scheitert an Infrastruktur die nicht da ist. An Preismodellen die KMU strukturell benachteiligen. An Prozessen die so lang dauern dass man zwischenzeitlich auf Satelliten ausweicht.
Wir haben es jetzt. Andere noch nicht.
Was sich für uns ändert: weniger Kompromisse, mehr Geschwindigkeit, neue Möglichkeiten. Unsere KI-Systeme, unsere Agenten-Infrastruktur, die Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden — alles profitiert davon unmittelbar.
Was sich nicht ändert: die Überzeugung dass Digitalisierung kein Selbstläufer ist. Sie muss gemacht werden. Mit den richtigen Partnern, mit Geduld, und manchmal mit einem Satelliten als Brücke bis die Leitung im Boden fertig ist.
Cengiz Ketecioglu ist Inhaber und Geschäftsführer von TRIBAR Software GmbH und tizmo.ai in Erlangen.